ÜBER DAS HÖREN, DAS VERSTEHEN UND DIE SCHRIFT

„Es hört doch jeder nur, was er versteht“, Johann Wolfgang von Goethe.

Ein Gutachten über Schriftdolmetschen

In einem Gutachten hat Univ.-Prof. Dr. Heidrun Gerzymisch-Arbogast, die sich seit Jahrzehnten mit der „gemittelten Kommunikation“ beschäftigt, das Schriftdolmetschen in der Translationswissenschaft als intralinguale, multidimensionale Translation bezeichnet. Gemittelte Kommunikation ist die „über einen Dritten verstehbar gemachte Kommunikation […] bei der die Kommunikationspartner nicht direkt, sondern über eine dritte, mittelnde Person miteinander kommunizieren […], um sich verstehen zu können“.

Verstehen und Hören

Das Schriftdolmetschen dient nicht nur entsprechend diesem Gutachtensauszug in hohem Maße dem Verstehen. Ein Blick in den Online-Duden erstaunt zunächst: Dem unregelmäßigen Verb „verstehen“ werden Bedeutungen in sechs Hauptkategorien zugeordnet, die jeweils in Untergruppen eingeteilt sind. Fast noch interessanter sind die angeführten Synonyme; es sind über 130. Verstehen scheint eine sehr komplexe und schwierige Angelegenheit zu sein.

Hier drängt sich deutlich die Frage auf, wie das mit dem Verstehen funktioniert, wenn erschwerend hinzukommt, dass man nicht, nicht mehr oder nicht gut hören kann. Wieder gibt der Duden zum Wort „Hören“ Auskunft: Die Erläuterungen sind weniger, aber dennoch unerwartet viel und ausführlich. Bedeutungen: 5 Hauptkategorien mit Untergruppen. Synonyme: knapp über 30.

Die Schriftsprache und die Bedeutung der Schrift

Vielleicht ist es wichtiger und zielführender für das Begreifen die Kommunikation festzuschreiben. Das geschriebene Wort hat eine besondere Bedeutung: Die Erfindung der Schrift zählt zu einer der herausragendsten und wichtigsten Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte. Erst durch die Schrift wurde die Überlieferung von der mündlichen auf die schriftliche Ebene gebracht, wodurch Wissen, Tradition, Kultur u.v.m. langfristig und dauerhaft weitergetragen werden konnte.

Das Geschriebene hat etwas Unumstößliches. Dadurch ist die Gewichtung oft sehr hoch. Die Routineformel, die im Journalismus – und im Übrigen auch beim Schriftdolmetschen – Bedeutung hat, darf man dabei nicht außer Acht lassen: „Es gilt das gesprochene Wort“.

Je nach Kultur kann das gesprochene oder aber das geschriebene Wort den höheren Stellenwert belegen. Übersetzt man das Gesprochene in das Geschriebene, bietet sich hinterher die Gelegenheit, den Inhalt in Ruhe und konzentriert im Protokoll nachzulesen, wobei gegebenenfalls Unverstandenes oder Unverständliches recherchiert werden kann. Dadurch bekommt man Informationen nicht nur in mündlicher Form geliefert, sondern man kann diese aufarbeiten, einzelne Passagen zerlegen, analysieren und schließlich wieder zusammenfügen. Vielleicht sind es gerade die kleinen Inputs oder Zwischenrufe, die Bemerkungen von anderen, die einen auf einen außergewöhnlichen Gedanken bringen. Vielleicht ist es gerade diese Zwischenbemerkung, die erst jetzt in ihrer Größe zu sehen, zu verstehen, ist, weil sie nicht in der Sekunde verpufft ist, in der sie getätigt wurde. Denn sie wurde festgehalten.

Verbale und nonverbale Zwischentöne 

Wie verhält es sich nun aber mit den vielen Feinheiten, die zur Auffassung und zur Interpretation des Gesagten wichtig sind? Die Sprachmelodie, die Intonation, unterstreichende Geste, Gestik und Mimik, all das spielt eine wichtige Rolle. Wir alle haben schon erfahren, wie Kommunikation auf eine ungewollte Ebene gleiten kann, weil genau diese Zwischentöne fehlen: in E-Mails, in SMS, selbst in althergebrachten Briefen usw.

Amtmann Schriftdolmetscherin Eventsetting

Jene Klienten, die den Service des Schriftdolmetschens in Anspruch nehmen, befinden sich direkt vor Ort und erleben die nonverbalen Regungen mit. Schwingungen und Stimmungen werden aufgefangen, visuelle Reize ebenso. Akustische Impulse werden vom Schriftdolmetscher erfasst. So zum Beispiel bemerkte ein Klient während einer Gerichtsverhandlung erst, dass sich jemand ihm gegenüber ungebührlich äußerte – nonverbal durch Fingerschnippen, was er in dem Augenblick nicht sehen konnte –, als er es in der Live-Mitschrift zu lesen bekam.

Manchmal ist es schöner, gewisse Dinge nicht mitzubekommen. Aber: Darf man den Klienten von derartigen Entgleisungen fernhalten und ihn dadurch ausschließen? Wäre der Betroffene hörend, wäre er automatisch mit allen Tönen, Zwischentönen, Geräuschen, Aussagen und Beleidigungen konfrontiert. Vermutlich hätte sich ein Hörender bei einer dem Gericht übergeordneten Stelle beschwert. Ein Fernhalten, eventuell sogar unter dem Titel, die Gefühle von jemandem schützen zu wollen, kann nicht die Lösung sein. Das Gesamtbild wäre verfälscht.

Ein Zitat von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux besagt: „Nur ein Narr hört alles, was ihm zu Ohren kommt.“ In diesem Sinne bleibt es jedem Klienten selbst überlassen, ob er das Gelesene, so auch ein (non)verbales Fehlverhalten, tatsächlich „hören“ möchte.

Eine ungeahnte Informationswelt entsteht 

Insbesondere bei Einzelsettings (Schriftdolmetsch-Einsatz für eine Einzelperson) wird durch die räumliche Nähe deutlich, wie und inwieweit Klienten mit Hörbeeinträchtigung oftmals auf die Dienstleistung der Schriftdolmetscher angewiesen sind. Vielen eröffnet sich eine Informationswelt, die sie ob der ungewohnten Fülle beinahe überwältigt. Manchmal geht alles viel zu schnell, die Redner galoppieren verbal dahin und es stellt sich sogar die Frage, ob den Hörenden im Auditorium die Chance gegönnt ist, verstehen zu können. Denn in Verbindung mit Schachtelsätzen, innerhalb derer vielleicht auch noch der rote Faden verloren geht, ist das oft gar nicht so leicht. Auch dann nicht, wenn man nicht zusätzlich zu den vielen anderen Sinneseindrücken mitlesen muss. An dieser Stelle sei ein entsprechender Appell an die jeweiligen Redner  hinzugefügt, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass viele es sehr wohl nicht nur als eine Geste der Höflichkeit empfinden, langsam und deutlich zu ihrem Publikum zu sprechen, sondern als Voraussetzung guter Kommunikation.

Für viele Menschen mit Hörbeeinträchtigung ist die Dienstleistung des Schriftdolmetschens oft die einzige Möglichkeit, am sozialen wie beruflichen Leben zu partizipieren. Zwischentöne und Zwischenrufe, die normalerweise unbeachtet bleiben, ein kleines Wortspiel, das ungehört bleibt, ein flüchtiger Scherz am Rande, werden sichtbar gemacht. Die Reaktionen der anderen Zuhörer werden dem hörbeeinträchtigten Klienten verstehbar gemacht. Er lächelt oder lacht, staunt oder versteht in dem Maße wie die anderen, vielleicht mit einer kleinen Verzögerung durch die zwischengeschaltete Kommunikationsebene. Das Wichtige ist: Er hört – sieht – und versteht und ist somit in die Gesellschaft inkludiert.

Als Schriftdolmetscherin ist es für mich eine Bereicherung, eine unglaubliche Freude und Genugtuung, diese kleinen und großen Reaktionen wahrzunehmen, denn genau in diesem Augenblick wird mir selbst deutlich gemacht, wie wichtig und sinnvoll mein Einsatz ist.

Fördermöglichkeiten 

Je nach Bundesland müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, um die Leistungen eines Schriftdolmetschers gefördert zu bekommen. Sind diese erfüllt und handelt es sich um ein Setting für berufliche Zwecke oder um ein Studium, sind Fördermöglichkeiten gegeben.

Förderstellen sind z.B. das Sozialministeriumservice oder der Fonds Soziales Wien.

Studium mit Schriftdolmetschern – schon jetzt für das Sommersemester bewerben!

Studierende können geförderte Unterstützung durch einen Schriftdolmetscher beantragen, wofür sie zunächst ein Aufnahmeverfahren durchlaufen müssen. Interessierte können sich direkt an mich wenden – ich helfe selbstverständlich gerne weiter.

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Dieser Artikel wurde auf der Website der WKO und im Sprach-R-ohr, der Zeitschrift für Menschen mit Hörbeeinträchtigung, publiziert.