STADTSPAZIERGANG: ONLINE-SCHRIFTDOLMETSCHUNG FÜR DIE GANZE GRUPPE

Stephansdom vom Süden aus gesehen (c) Gudrun Amtmann

Mobile In- und Outdoorführungen haben wir bereits viele begleitet. Das war unser erster Stadt­spaziergang in Wien mit Schriftdolmetschung – in dieser Online-Schriftdolmetsch-Variante und mit eigenen Endgeräten der Nutzer:innen eine gelungene Premiere!

Vom Wien Museum zum Stephansdom

Sehr knapp, aber pünktlich, komme ich bei dem vor 1,5 Jahren neu eröffneten Wien Museum an. Strahlender und wärmender Sonnenschein be­leuchtet unsere Begrüßung. Herzliches Hände­schütteln, Lächeln, Wiedererkennen.

Der neue Vorbau des Gebäudes aus schwarzem Glas verschluckt uns wenige Augenblicke später, sperrt die Sonne aus, hüllt uns in Museumsluft. Sechs Studentinnen stoßen zu uns. Sie wirken fröhlich. Sie befinden sich gerade im Masterlehrgang, in dem es unter anderem um Diversity und Disability geht. Ich spüre ihre Freude und nehme Neugierde wahr.

Die Barrierefreiheitsbeauftragte des Wien Museums gesellt sich zu uns. In ihren Händen trägt sie eine Schachtel mit Gegenständen, wo­mit zwecks Sensibilisierung Sehbehinderung simuliert wird. Mein aktiver Einsatz folgt erst nach der Mittagspause. Der Auftrag lautet, das Grüppchen vom Wien Museum zum Stephans­platz zu führen. Andrea wird schriftdolmetschen.

Zwei barrierefreie Stunden später, in denen wir Tastmodelle berührt, Gebärdensprachvideos mitverfolgt, Blindenleitsysteme ausprobiert ha­ben, erreichen wir die von Poldi dominierte Museumshalle. Poldi, das Maskottchen des Museums, der Walfisch, der ursprünglich im Praterwirtshaus „Zum Walfisch“ über dem Ein­gang das Geschehen beobachtete. Die Abbruch­firma rettete beim Abtragen des Gasthauses den Fisch, der keiner ist, vor der Verschrottung und lagerte die tonnenschwere Skulptur. Einfach so.

Mit Seilverspannungen an die Decke des Museums montiert hat Poldi ein zweites Leben bekommen. Auf einem der dicken Drahtseile sitzt Hansi, der ausgestopfte Wellensittich des Künstlers Hans Schabus.

Vorbereitung auf Schriftdolmetschen

Unter des Fisches Augen führe ich die Gruppe in die Welt der akustischen Barrierefreiheit ein.

Individuell nehmen wir in Sekundenschnelle Einstellungen an der zu­gemieteten Online-Schriftdolmetschplattform vor, mit der wir AMTMANN-Schrift­dolmetscher:innen mittlerweile fast immer arbei­ten: Jede Person kann eigenständig für sich im Text scrollen, Schriftgröße, Schrift- und Hinter­grundfarbe je nach den eigenen Bedürfnissen festlegen.

Im Vorfeld hat unsere heutige Schrift­dolmetscherin Andrea Informationen über die Sehenswürdigkeiten erhalten, die im Fokus stehen werden. Sie hat sich auf Fachvokabular wie Theophil Hansen, Bösendorfer oder Provi­denciabrunnen vorbereitet. Die Begriffe gehören für heute zu ihrem Repertoire.

Der Spaziergang beginnt

Der Platz zwischen Musikverein und Künstler­haus ist geradezu perfekt, um mit dem Stadt­spaziergang zu beginnen.

Andrea schreibt kontinuierlich den gespro­chenen Inhalt mit, den die Teilnehmer:innen auf ihren Smartphones mitlesen. Barrierefreiheit umfasst so viele Aspekte, denke ich, während ich spreche. Mein Blick fällt auf die Fassade des Künstlerhauses und dann auf die des Musik­vereins. Das Mauerwerk der Gebäude unter­scheidet sich deutlich in seiner Struktur. Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder blinde Menschen würde ich zu dem Rustikamauerwerk führen und sie ermutigen, den Stein zu berühren, was ich in der kleinen Runde kommuniziere. Ist der Stein rau? Ist er glatt? Ist er von der Sonne gewärmt oder kalt? Wie groß sind die quadratischen Steine? Wie fühlen sich die Fugen an? All das und mehr geht mir durch den Kopf, während meine gesprochenen Worte in Schrift gefasst werden.

Während des Weitergehens spreche ich lieber nicht in mein unauffällig getragenes Mikrofon, das den Ton zur Schriftdolmetscherin in einem fernen Bundesland liefert. Die Stummschaltung nutze ich, wenn ich mit Teil­nehmer:innen plaudere. Es soll niemand stol­pern, nur, weil gelesen wird.

Stadtspaziergang Wien mit Schriftdolmetschung. Foto: (c) Martin Lusser
Stadtspaziergang Wien mit Schriftdolmetschung. Foto: (c) Martin Lusser

Einen Augenblick später stehen wir auf der verkehrstosenden Ringstraße. Die ehemalige Stadtmauer wurde unter Kaiser Franz Joseph geschliffen und ist heute eine Hauptverkehrs­ader der Stadt. Hufgeklapper der Fiakerpferde dringt an meine Ohren. Übertönt vom Lärm der Verbrennungsmotoren. Akustisch zurückhaltend sirren E-Fahrzeuge an uns vorüber. Hinter mir ertönt die Klingel eines Fahrrades. Wir stehen auf einem Mehrzweckstreifen. Fair Use. Moderne urbane City. Bäume spenden uns Schatten. Ist die Luft frisch? Atembar?

Und schon sind wir vor der Wiener Staatsoper.

Achtung Inhaltswarnung

Unser Ziel ist es, künftig (akustisch) barrierefreie Führungen anzubieten. An diesem Tag haben wir gelernt, dass gewisse heikle Themen nur mit einer vorherigen und expliziten Inhaltswarnung aufgegriffen werden dürfen. Barrierefreiheit um­fasst noch weit mehr als Bauliches oder Sinnes­beeinträchtigungen.

Wir befinden uns gerade zwischen Oper, Albertina und dem Hrdlicka-Denkmal, lauter Örtlichkeiten, die eng mit möglicherweise be­lastenden Themen verknüpft sind. Im Hinter­grund sind schon die Kapuziner- und die Herz­gruft zu erspüren und lassen meine Inhalts­warnungs-Alarmglocken anschlagen. Ich ent­scheide mich, die Führung abzuändern und spre­che nur über leichte Themen. Der Providencia­brunnen mit seinen dargestellten Flüssen und Fischen bietet sich an: Schon mal vom „Huchen“ gehört?

Zügig nähern wir uns unserem Endpunkt. Wortmeldungen von Personen ohne Mikrofon wiederhole ich in meinen Wortbeiträgen, damit Andrea eine schlüssige Schriftdolmetschung herstellen kann. Schließlich sind wir am Stephansdom angelangt.

Unsere erste akustisch barrierefreie Stadt­führung in der Gruppe ist zu Ende: Mit der von uns benutzten Technik können wir nicht nur ein bis zwei Personen, sondern ganze Gruppen, egal welcher Größe, schriftdolmetschend begleiten.

Wir freuen uns darauf, schwerhörige und spätertaubte Menschen künftig als Schriftdolmetscher:innen begleiten zu dürfen!

Wenn Sie Interesse haben, schreiben Sie uns, wir halten Sie gerne informiert. Probeführungen in kleinem Rahmen sind für kurze Zeit möglich.

Zusatzinformation Fremdenführung

Nach der letzten noch abzulegenden Prüfung von Gudrun Amtmann sind wir zusätzlich auch als Fremdenführer:innen gerne für Sie im Einsatz. Ein Konzept für die Kombination Fremdenführung/(akustische) Barrierefreiheit ist in Ausarbeitung.