Sie haben ein CI! Wofür SD-Service?

„Sie haben doch eh ein CI! Wofür brauchen Sie denn Schriftdolmetschservice?“ – Wie bitte? Nein, wir haben uns nicht verhört. Und Sie haben sich nicht verlesen.

Immer wieder zeichnen solche Bemerkungen und die damit verbundenen Rückfragen unseren Alltag aus. Nämlich dann, wenn es um die Frage geht, ob jemand (mit Hörhilfe) Schriftdolmetschservice benötigt oder nicht. Für unsere User/-innen – und auch für uns – können solche Worte ganz schön entmutigend sein. Das muss nicht sein.

Wir fragen uns oft, ob es denn wirklich sein kann, dass eine „körperfremde“ Person, die nicht mit dem jeweiligen Gehör unserer Userinnen und User ausgestattet ist, beurteilen oder in Frage stellen kann, ob diese andere Person, nämlich z.B. ein/-e CI-Träger/-in, Schriftdolmetschservice benötigt oder nicht. 

Erst vor wenigen Tagen waren wir bei einer Veranstaltung als Schriftdolmetscher/-innen tätig, bei der wir von einer einzelnen Person gebucht wurden. Wie so oft stellten wir für das gesamte Publikum die Schriftdolmetschung sichtbar zur Verfügung. So kann nicht nur eine, sondern so können viele Menschen einen Nutzen aus unserem Service ziehen. An dieser Stelle wollen wir uns sehr herzlich für die Kooperation bedanken, ohne die das nicht möglich wäre! Interessanterweise kam während der Pause ein Herr auf uns zu, der voll Freude erzählte, dass sein Sohn als CI-Träger auf die Live-Mitschrift angewiesen ist und er als Vater deswegen im Vorfeld mit dem Veranstaltungsmanagement in Verbindung getreten sei, um uns zur Bereitstellung von akustischer Barrierefreiheit anzuregen. Und voila, da sind wir! 

Kringel

Wir fanden das deswegen so bemerkenswert, da uns dieser Umstand völlig unbekannt war, dass von anderern Teilnehmenden beim Veranstalter Schriftdolmeschservice angefragt war, (womit dieser für die Bereitstellung der Barrierefreiheit zuständig gewesen wäre. Dies sei aber im Augenblick nur am Rande erwähnt). 

Verbale Inhalte ohne Schriftdolmetschung 

Eine wichtige Frage ist: Wie mag es diesem Jungen mit den Inhalten der Veranstaltung ergangen sein, wenn wir nur für eine Person im sogenannten Einzelsetting gedolmetscht hätten und nicht für alle, also auch für ihn? Wie viel der auditiven Inputs kann sein Gehör aufnehmen? Wie anstrengend ist das Hören für ihn mit dem Cochlea Implantat? Wie viel mehr Konzentration muss er aufwenden als Normalhörende? Und hätte das eine fremde Person entscheiden können, ob er die Kommunikationsdienstleistung von uns benötigt? 

Ein anderer junger Mann, ein CI-Träger, kam in den letzten Wochen auf uns zu, der eine Ausbildung beginnen wollte: mit Unterstützung durch unsere Live-Mitschriften. Diese wollte er als Lernunterlage nutzen. Seine Vorstellung war, im Unterricht eine massive Erleichterung im Zuhören zu nutzen und im Nachfeld den Lehrinhalt genau nachlesen zu können. Als er sich bei der für ihn zuständigen Stelle nach den Konditionen für Förderungen erkundigte, war er von der Frage, mit der er plötzlich konfrontiert war, völlig überrumpelt und niedergeschmettert: „Wofür brauchen Sie denn eine Schriftdolmetschung? Sie tragen doch eh ein CI.“ 

Verständnis schaffen 

Diesen doch sehr frustrierenden Bemerkungen, die wir immer wieder miterleben, wollen wir entgegenwirken. 

Wir maßen uns selbstverständlich nicht an, zu entscheiden, ob jemand Schriftdolmetschservice benötigt oder nicht. Auch können und wollen wir nicht sagen, ob und wie gut oder schlecht jemand Inhalte hören kann, wenn er z.B. mit Cochlea-Implantaten oder anderen Hörhilfen versorgt ist. 

Allerdings: Als Schriftdolmetscher/-innen erleben wir täglich mit, welche Auswirkungen die Schriftdolmetschung auf Klienten und Klientinnen hat und haben kann. Besonders deutlich wird das, wenn unser Service zum ersten Mal genutzt wird. 

Mit all unseren Bemühungen wollen wir mithelfen, Verständnis zu schaffen für die immens große Gruppe der hörbeeinträchtigten Menschen und für deren Bedürfnisse. Dazu brauchen wir Ihre Hilfe.

Schreiben Sie uns über Ihre akustischen Wahr­nehmungen! Wie erleben Sie Ihr Hören? Was sind Ihre diesbezüglichen Wünsche? Haben Sie schon einmal oder öfter Schriftdolmetschservice genutzt oder erlebt? Wie empfinden Sie diese Unterstützungsform? Und wie ist für Sie der Un­terschied, wenn Sie zusätzlich zu Hörhilfen mit einer Live-Mitschrift versorgt werden? Was ist Ihnen wichtig? Und worauf können Sie ver­zichten?

Jeder Input ist uns willkommen und interessant. Wir freuen uns auf Ihre Zeilen und Ihre Erfahrungen!

Dieser Artikel ist im Sprach-Я-ohr, der Zeitschrift für Menschen mit Hörbeeinträchtigung, erscheinen.